Fair Trade im Vergleich zu Direct Trade

Bei Facebook habe ich vor einigen Tagen folgende Grafik entdeckt, gepostet von Bird Rock Coffee Roasters in San Diego (USA). Diese beschreibt sehr gut den Unterschied zwischen Kaffee, der unter den Fair Trade Siegel gehandelt wird und solchem, bei dem der Kaffeerösterei direkt mit dem Kaffeeproduzentem, dem Kaffeebauern, zusammenarbeitet.

(c) Birdrock Coffee

(c) Bird Rock Coffee

In unserem Heppenheimer Ladengeschäft werde ich auch immer wieder mal auf Fair Trade Kaffees angesprochen. Diesen Kunden erkläre ich dann, dass wir keinen Fair Trade Kaffee führen, da wir ausschließlich nach Qualität einkaufen und Fair Trade (oder auch Bio) nicht zwingend für erste Qualitäten stehen. Fair gehandelter Kaffee kann auch schlecht schmecken. 😉

Zweites Argument, welches ich immer wieder anführe ist, dass bei Fair Trade in der Regel die Einzelhändler die Gewinner sind, nicht der Kaffeebauer oder -pflücker. Hintergrund dafür ist, dass der Einzelhändler in prozentualen Margen rechnet, nicht in EUR. Wenn sich der Kaffee also z.B. im Einkauf um 50ct (pro Kilo) erhöht, verlangt der Einzelhändler nicht einfach 50ct mehr, sondern, je nach kalkulierter prozentualer Handelsspanne z.B. 81ct. Das ist, wie gesagt, Ergebnis des prozentualen Rechnens im Lebensmitteleinzelhandel.

Deswegen wird das Fair Trade System immer wieder stark kritisiert. Eine sehenswerte Dokumentation dazu findet sich auf ARTE: Der faire Handel auf dem Prüfstand.

In dieser Dokumentation wird deutlich, dass zum einen die Bauern nicht wesentlich mehr verdienen als im konventionellen Handel und dass zum anderen die verschiedenen Fair Trade und Bio Siegel häufig nur dazu dienen, den großen Kaffeehandelshäusern einen “grünen” Anstrich zu geben. Denn, wie oben beschrieben, man kann mit dem guten Gewissen der Endkunden durchaus noch mehr Gewinne einfahren.

Verurteile ich nun Fair Trade? Nein, das tue ich nicht. Fairen Handel unterstütze ich sehr gerne. Dazu sollte es aber in Zukunft nicht mehr möglich sein, dass Spekulanten an der Börse die Preise nach eigenem Nutzen diktieren. Deshalb favorisiere ich den fairen Handel beider Handelspartner direkt. Auf der einen Seite der Kaffeebauer und auf der anderen Seite der Kaffeeröster. Ohne zusätzliche Zwischenhändler, die alle auch ihr Geld verdienen wollen. Ohne eine Fair Trade Organisationsstruktur, die ebenfalls Geld kostet. Die Vorteile ergeben sich aus der obigen Grafik: Der Kaffeebauer bekommt für seinen Kaffee den Preis, den er zum eigenen (Über-)Leben braucht und der Kaffeeröster bekommt die Qualität, die er sich wünscht. Durch den direkten Austausch zwischen Farmer und Röster entstehen Partnerschaften, die sich zum gegenseitigen Nutzen  entwickeln. Mehr Qualität gibt mehr Geld. Und damit eine bessere Lebenssituation für den Bauern in den Produktionsländern.

Leider gibt es in Deutschland und in der Schweiz noch zu wenig Kaffeeröstereien, die direkt mit den Farmern Handel betreiben. In der Schweiz ist sicherlich einer der Vorreiter die Kafischmitte von Roger Wittwer in Langnau i.E.. In Deutschland gehört Quijote Kaffee in Hamburg zu den Direkt Trade Pionieren.

Es lohnt sich auf jeden Fall deren Betriebe einmal zu besuchen um sich über deren direkten Handel mit den Produzenten zu informieren. Gerade Roger Wittwer beschreibt in seinem Kaffeeblog seine direkten Beziehungen zu den Farmern sehr eindrücklich, Quijote Kaffee zeigt sich z.B. sehr transparent im Bereich der eigenen Unternehmenskalkulation oder dokumentiert auf Facebook die Reisen zu den “eigenen” Kaffeebauern.

Mein Fazit: Kaufen Sie besser direkt gehandelten Kaffee, denn das ist fair(er) für alle Beteiligten. Und der Kaffeequalität in der Tasse dient es erst recht!

Johannes Lacker

 

5 Gedanken zu „Fair Trade im Vergleich zu Direct Trade

  1. Karsten

    Ich verwende eigentlich schon seit längerem nur noch Fair Trade Kaffee, aber war durch die letzten kritischen Artikel zum Beispiel in der „Zeit“ doch ein wenig verunsichert. Den Film auf ARTE habe ich leider verpasst und anscheinend ist er auch nicht mehr in der Mediathek abrufbar, sonst hätte ich ihn mir auch noch angesehen. Zu direktem Handel muss ich mich noch einmal genauer informieren, zum Beispiel ob auch alle Arbeiter auf der Kaffeeplantage eine Art Mindestlohn erhalten. Fair Trade gibt ja an, dass dies überprüft wird, aber wie läuft das dann über den direkten Handel, wenn der Bauer einen guten Preis für seine Ware erhält, aber dafür Hilfsarbeiter zu Hungerlöhnen anstellen würde? Würde das auch überprüft? Leider hat man in den Anbauländern ja meist nicht die gesetzlichen Rahmenbedingungen für anständige Mindestlöhne und dies müsste dann ja irgendwie seitens der Kaffeeabnehmer geprüft werden.

  2. Roman

    Toller Beitrag! Ich bevorzuge Fairtrade-Kaffee, weil ich ihn mit gutem Gewissen trinken kann. Dafür gebe ich auch gerne etwas mehr Geld aus.

  3. Felix

    Ich finde allgemein, dass man mehr Wert darauf legen sollte was man konsumiert. Das gilt nicht nur für Kaffee sondern auch für alle anderen Lebensmittel wie Fleisch oder Obst und Gemüse. Lieber kauft man sich z.B. seltener Fleisch und dafür in top Qualität vom Metzger der Region als diesen Billigmist aus dem Supermarkt. Nur gemeinsam kann man etwas bewirken.

  4. Pingback: Zehn Irrtümer über Kaffee – und die Wahrheit » Kaffeeirrtümer, Irrtümer über Kaffee » Der Blog vom Kaffi Schopp

  5. Christian

    Hallo Johannes,

    dein Beitrag ist wirklich lesenswert. Ich stimme dir zu dass es auch fair gehandelten Kaffee gibt, der nicht sonderlich gut schmeckt. Ich kenne auch einige Röstereien, die gerade aus Qualitätsgründen sowohl fair als auch klassisch gehandelten Kaffee im Sortiment haben. Diesem Konzept kann ich allerdings nur teilweise eine gute Absicht zuschreiben. Meiner Meinung nach sollte sich eine Rösterei dann grundsätzlich für ganzheitlich faire Handelsbeziehungen entscheiden. Dein Ansatz mit direkt gehandeltem Kaffee passt genau in diese Lücke. Wahrscheinlich scheuen viele kleine Röstereien den Aufwand eine direkte Handelsbeziehung zu dem Kaffeebauer aufzubauen. Freut mich sehr dass es bereits einige Pioniere auf diesem Gebiet gibt.

    Viele Grüße
    Christian

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